SPD-Stadtratsfraktion und OB Andreas Starke gestalteten Gedenkfeier zum Kriegsende

Veröffentlicht am 09.05.2016 in Ratsfraktion

OB Andreas Starke bei seiner Rede zum Gedenktag an das Kriegsende

„Das war Geschichtsfälschung“, zischte ein stadtbekannter Antifaschist der 16-jährigen Magdalena Banik entgegen. Dabei hatte die Maria-Ward-Schülerin nichts anderes getan, als sich vor der Versammlung auf der Unteren Brücke mutig ans Mikrofon zu begeben und an die drei Bamberger Willy Aron, Hans Wölfel und Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu erinnern. An Männer also, die in der Zeit des Nationalsozialismus Zivilcourage zeigten, Widerstand leisteten und diesen mit dem Leben bezahlten.

Diese Tatsachen sind für den besagten Antifaschisten keine. Auch solche Leugner gibt es noch heutzutage. Doch diese hatten die Redner der Gedenkfeier anlässlich des Kriegsendes vor genau 71 Jahren nicht im Blick. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) und Klaus Stieringer, SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, wandten sich besonders gegen „rechtsradikale Gruppierungen auch hier vor unserer Haustür“, die die Probleme der Zeit – etwa die Flüchtlingskrise – ausnützen als Nährboden, braunes Gedankengut ein weiteres Mal hoffähig zu machen. „Gewöhnen wir uns nicht schon wieder an einen Zeitgeist, der uns vor wenigen Jahrzehnten in die größte Katastrophe der Menschheit geführt hat?“, warf Stieringer eine besorgte Frage in die Runde.

OB Starke zog die Schreckensbilanz aus Terror, Gewalt und Krieg. Er erinnerte an die Millionen Opfer des Dritten Reiches, auch an die 378 Bamberger Bürger, die ihr Leben verloren: „Diese Erinnerungskultur hilft, die Demokratie zu stärken, die keine Selbstverständlichkeit ist und unsere aktive Unterstützung braucht“, betonte Starke. Diese Besinnung müsse den notwendigen Zusammenhalt bewusst machen, um allen radikalen politischen Tendenzen zu widerstehen.

Befreiung und Trauer

Der Stadtheimatpfleger und Historiker Andreas Dornheim zog in seinem Redebeitrag Tagebuchaufzeichnungen von internationalen Persönlichkeiten heran, die die Tage um den 8. Mai 1945 ganz unterschiedlich wahrgenommen hatten. Für manche waren es Tage der Befreiung, für andere mischten sich Trauer und Nachdenklichkeit in die Freude: „Wie viele Leben hätten gerettet werden können, wenn die Alliierten früher gekommen wären? Wie wäre der zweite Weltkrieg verlaufen, wenn eines der 42 Attentate auf Hitler gelungen wäre?“, brachte Dornheim jene Überlegungen auf den Punkt.

Die gesamte Gedenkstunde, an der auch einige Stadträte sowie Vertreter der Religionsgemeinschaften und Kirchen teilnahmen, wollte OB Starke als ein „deutliches Zeichen gegen Krieg, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Gewalt“ verstanden wissen. Seine eindringlichen Worte blieben bei denen haften, die zuhören wollten und sich gegen den Geräuschpegel der lediglich vorbeiziehenden Passanten stemmten.

Aufmerksamkeit erzielte jedenfalls das Trompeten-Quartett der Städtischen Musikschule unter der Leitung von Sebastian Strempel. Ebenso hellhörig wurde die Schar auf der Unteren Brücke, als Antonia Beyer (15) und Melisa Yomaz (16) vom Franz-Ludwig-Gymnasium ihrem Geschichtslehrer Jens-Peter Kurzella in einer Sprechszene offen Kontra gaben. Der Lehrer führte den 8. Mai 1945 als Ende der Kriegskatastrophe an. Die Schülerinnen hielten ihm den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki entgegen, die zahllosen Opfer aus den KZs, die noch Monate später an den Folgen starben. Die Mädchen sprachen aber auch von dem „Beginn einer Entwicklung für ein geeintes, demokratisches Europa, für Gleichberechtigung und Toleranz“.

OB und der Fraktionsvorsitzende legten Kränze nieder.

(Artikel von Marion Krüger-Hundrup, Fränkischer Tag vom 9. Mai 2015, S. 11)
www.infranken.de

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Hier die Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden Klaus Stieringer im Wortlaut:

Hohe Geistlichkeit,
Herr Oberbürgermeister,
Liebe Schülerinnn und Schüler,
Werte Stadträtinnen und Städteräte und Gäste!

 

Die fürchterlichen Folgen des 2. Weltkrieges hat uns unser Oberbürgermeister in seinem Wortbeitrag eindrucksvoll aufgezeigt. Wofür ich mich herzlich bedanke.

Millionen Tote, Verletzte und Vertriebene. Millionen von Schicksalen von Menschen, die oftmals nicht älter waren als die Schüler, die heute unter uns stehen. Wir alle kennen die Zahlen des Todes und des Schreckens. Ein Gefühl für das Schicksal der Menschen zu entwickeln, fällt uns - die wir aufgewachsen sind in einer bürgerlichen, gesicherten und friedlichen Zeit - zunehmend schwer.

Zum Glück ist der Weltkrieg, sind beide Weltkriege, so lange her und so weit weg. Die meisten Anwesenden kennen Kriege (zum Glück) nur noch aus den täglichen TV-Berichten, aus den Zeitungen oder von Facebook. Krieg ist es etwas Abstraktes geworden, verkommt zum populären Computerspiel an den Bildschirmen unserer Kinder.

Wir, die jüngere Generation, ist in dem festen Bewusstsein aufgewachsen, dass unser System, unsere Demokratie und unser Wertverständnis fester sind als jede Form von Intoleranz, Fanatismus und menschenverachtenden Faschismus. Nicht nur die Rente ist sicher, auch das Leben vor dem Ruhestand!

 

„Er ist der größte Feind unserer Heimat. Seine Geschichte, seine Überzeugungen und seine gewalttätige Art lassen eine friedliche Koexistenz niemals zu. Deshalb muss er bekämpft werden, wo man ihn findet.“ Entnommen einem politischen Kommentar dem Bamberger Tagblatt. Gemeint ist "der Franzose". Es war das Jahr 1869.
Der anschließende Krieg gegen Frankreich 1871 kostete schätzungsweise 200.000 Menschen das Leben. 1.000.000 wurden verletzt.

 

„Er ist der größte Feind unserer Heimat. Seine Geschichte, sein Glaube und seine Handlungen lassen erkennen, dass er immer ein Feind der Deutschen Sache sein wird. Deshalb müssen wir ihn bekämpfen, wo auch immer er uns begegnet.“ Entnommen einem politischen Kommentar aus der Coburger Nationalzeitung. Gemeint ist "der Jude". Es war das Jahr 1930.
Die anschließenden Folgen kennen wir alle. Die Nürnberger Gesetze von 1935. Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 und die systematische Vernichtung von 5.000.000 Juden.

 

„Er ist der größte Feind unserer Heimat. Seine Geschichte, sein Glaube und seine gewalttätige und menschenverachtende Art machen ein friedliches Miteinander unmöglich. Wir müssen Widerstand leisten, wo immer wir es noch können.“ Entnommen aus einem der zahllosen Kommentare der AfD-Facebookseite. Gemeint ist "der Moslem" und eigentlich alles, was uns fremd und unbekannt erscheint.

Was werden dieses Mal die Folgen sein?

 

So etwas könnte sprachlos stimmen. Doch genau das Gegenteil ist notwendig!

Genau deshalb dürfen wir eben nicht nur mit den Schultern zucken, wegsehen und den Alltagsgeschäften nachgehen wenn Pegida und AfD zunehmend an Einfluss gewinnen.

Wie oft haben wir uns die Frage gestellt, in der Schule, im Gespräch mit den Eltern und Großeltern, oder mit Freunden:

Warum hat damals niemand eingegriffen oder protestiert? Warum haben alle geschwiegen, als im Frühjahr 1933 kritische Literaten an den Pranger gestellt und ihre Schriften zensiert wurden, als man die Medien als "Lügenpresse" denunzierte, die politischen Parteien unverhohlen angreifen und beleidigen konnte? Warum haben alle geschwiegen, als Mitbürger aus ihren Wohnungen geholt, in Sammelstellen gepfercht und zum Schluss sogar am helllichten Tag in Eisenbahnwaggons in Konzentrationslager deportiert wurden?

 

Wenn wir etwas aus diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte lernen können, dann ist es doch insbesondere, dass wir nicht mehr einfach so wegsehen dürfen, wenn heute wieder eine unheilige Allianz aus Biedermännern und Brandstiftern Einzüge in Landtage, Stadträte und Kreistage schafft und rechtsradikale Gruppierungen auch hier vor unserer Haustür die Probleme unserer Zeit ausnützen als Nährboden, rechtsradikales Gedankengut ein weiteres Mal hoffähig zu machen.

 

Ja. Wir haben es uns bequem gemacht in unserer Gesellschaft und in unserem Umfeld. Die Humanisten unter uns sind leise geworden, vielleicht auch nur bequem, statt, müde, faul, aber auf jeden Fall unbedeutend. Viele Menschen beschäftigen sich mehr mit sich selbst, als um sich herum zu blicken.

Die Einkauf- und Reisemöglichkeiten, die Sozialen Netzwerke, die Freizeit- und Berufsmöglichkeiten sind so groß wie noch nie zuvor. Wer mag es den Menschen ernsthaft verübeln wollen, dass sie dieses sichere Feld nicht verlassen möchten, kein Interesse daran haben, was außerhalb und innerhalb unserer Gesellschaft passiert? 

Unser humanitärer Anspruch reduzierte sich in den letzten Jahren zunehmend darauf, dass zur Verfügung stehende Kapital zu verteilen und unseren Bestand zu sichern. Was soll uns schon passieren? Wir sind doch mündige Bürgerinnen und Bürger, wissen uns zu wehren!?

 

„Bei den Bayerischen Landtagswahl hatte jüngst eine Partei, deren wesentliche politischen Merkmale Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, die Ablehnung gegen die demokratischen Parteien, die Denunzierung der Medien und die bis zur massiven Gewaltanwendung bereite Radikalität erstmalig den Einzug in den Landtag geschafft. Diese neue Partei, welche die sogenannten besorgten Bürger, die Deutschen Wutbürger, die Ewiggestrigen und die (nennen wir es mal) schlicht strukturierten Nationalisten vertrat, kam bei der ersten Wahl auf Anhieb auf 6,1% der Stimmen.“

Nein, das ist keine Rückblende auf die letzte Landtagswahl und auch keine Prognose für die kommende Landtagswahl. Es ist der Zeitungsbericht über die Bayerischen Landtagswahlen von 1928.

Es war der erstmalige Einzug der NSDAP in unser Landesparlament.

"Eine Randerscheinung, ein vorrübergehendes Phänomen, nichts Dauerhaftes und kurzweiliger Ausdruck einer gesellschaftlichen Stimmung", sagten die Experten damals voraus - nicht ahnend, was nun folgen sollte.

Wenn heute Landtagswahlen in Bayern wären, käme die AfD – jüngsten Umfragen zufolge – auf 9% der Stimmen. Bei Infratest kommt die AfD, wenn heute Bundestagswahl wäre, sogar auf 15%.

Ich will Sie, Euch, heute nicht mit Zahlen langweilen, jedoch gestatten Sie mir noch den Hinweis, dass eben genau diese NSDAP bereits bei der nächsten freien Landtagswahl 1932 auf 32,5% gekommen ist.
Bei den Reichspräsidentenwahlen von 1932 kam Hitler am 13. März 1932 reichsweit auf 30,1 % der Stimmen. Das bayerische Ergebnis lag zwar unter dem Anteil im Reich. Weit überdurchschnittlich war dagegen der Erfolg im Wahlkreis Franken mit 41,2 %, in Oberfranken sogar 44%.
Einen Rekord erzielte die NSDAP in der Stadt Rothenburg ob der Tauber mit über 80% der Stimmen. Ein trauriger Rekord.

Zu Beginn des Aufstiegs der NSDAP konnten sich die sogenannten etablierten Parteien, nur noch durch immer neue Farbzusammenmischungen, ihren Machtanspruch in den Parlamenten sichern. Sieht denn wirklich niemand eine Parallele mit den Schlagzeilen der heutigen Medien?

 

Dr. Hans-Jochen Vogel forderte in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag folgende Lehre aus der Geschichte zu ziehen – ich zitiere dem sinnentsprechend frei - :

„Natürlich lehrt uns die Erinnerung an die seinerzeitige Unsicherheit in der Bevölkerung, wie wichtig es ist, dass das Gemeinwesen den Menschen eine hinreichende wirtschaftliche und soziale Sicherheit gewährleistet. Und dass der Protest gegen unsichere Lebensverhältnisse, die als ungerecht, ja als dauerhafte Ausgrenzung wahrgenommen werden, radikalen Positionen Zulauf verschafft.
Die wichtigste Lehre sehe ich aber in der Erkenntnis, dass eine Demokratie auf Dauer nur Bestand haben kann,  wenn sie von den Menschen getragen wird; wenn diese sich als Bürgerinnen und Bürger verstehen, die selber für die Bewahrung der demokratischen Grundregeln mit verantwortlich sind.“

Diese Notwendigkeit immer auf’s Neue ins Bewusstsein zu rufen und durch das eigene Beispiel zu bezeugen, ist die gemeinsame Aufgabe aller, die in unserer Gesellschaft besondere Verantwortung tragen. Und das nicht nur in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien, sondern auch in unseren Schulklassen, im Sportverein, beim Gespräch mit den Nachbarn und Freunden und nicht zuletzt im eigenen Haus. 

 

Jeder Mensch hat Werte. Aber nur noch sehr wenige machen deutlich, was daran wert-voll sein soll. Die herrschenden Werte unserer Gesellschaft erweisen sich als die anonyme Anpassung an Normenkataloge und Compliance-Regeln. Jeder, der sie befolgt, kann sicher sein, nicht aufzufallen. 
Inzwischen erkennen wir, dass sich in der Abwehr alles Fremden und der drohenden Veränderung unserer Gesellschaft eine unpolitische Anonymität in die politische Macht drängt.

Sie gibt sich mehr und mehr als eine mächtige Feindin der offenen Gesellschaft zu erkennen.
Eine Feindin, deren Fratze wir alle noch gut in Erinnerung haben sollten, haben müssen!

Wo bleibt nun heute der Aufschrei der Gutmenschen? Wo der laute Protest der Humanisten? Wie werden wir die Fragen der nächsten Generation beantworten?

Werden wir uns auch damit entschuldigen, nichts gesehen, nichts geahnt oder getan zu haben?

Gewöhnen wir uns nicht schon wieder an einen Zeitgeist, der uns vor wenigen Jahrzehnten in die größte Katastrophe der Menschheit geführt hat? Gewöhnen wir uns nicht schon wieder an Aussagen, wie:

„Es sind wirklich zu viele Menschen die nach Deutschland kommen oder es wird Zeit, dass andere Politiker das Problem in den Griff bekommen?“

Ertappen wir uns vielleicht manchmal dabei, wie wir die einseitigen Meldungen in den sozialen Netzwerken, den populistischen Aussagen der neuen Rechten oder den Reaktionen der vermeintlichen Wutbürger mit Sympathien begegnen?

Die Zukunft kann nur beeinflussen, wer die Vergangenheit versteht.

In diesem Sinne rufe ich Ihnen und Euch zu:

Schweigt nicht, wenn andere falsches Denken zur Gewohnheit machen wollen!

Herzlichen Dank! 

 

Klaus Stieringer
SPD-Stadtratsfraktionsvorsitzender Bamberg

 
 

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